Vergebung geschehen lassen Drucken
Blogs - Leas Blog
Geschrieben von: Lea Hamann   
Montag, 26. Juli 2010

Öfter wurde ich schon gefragt, wie man anderen Menschen vergeben kann. Zunächst einmal fällt mir dabei auf, dass man Vergebung überhaupt nicht „tun“ kann. Ich glaube dass es hauptsächlich eine Verstandesübung ist, wenn man sich hinstellt und sagt: „Ich vergebe diesem Menschen.“ Manchmal steckt einfach nur der Gedanke dahinter, dass es besser sei, oder spiritueller sei, anderen zu vergeben, und dann „tut“ man es eben.

Mich interessiert viel mehr, wie natürliche Vergebung entsteht. Dazu habe ich gerade heute ein schönes Beispiel erlebt. Wir waren mit unserem Hund im Wald spazieren. Für mich sind diese Spaziergänge immer eine wundervolle Gelegenheit, zu sein. Ich spüre den Wald, die Lebendigkeit in jedem einzelnen Baum, rieche die Waldluft und irgendwann verschwinden alle Gedanken und es kehrt Ruhe ein.

Auf einmal kracht es im Unterholz und zwei Männer auf Mountainbikes kommen den Pfad herunter gerast, dass die Kieselsteine nur so beiseite spritzen. Sie unterhalten sich lauthals und wir können gerade noch zur Seite springen. Ich spüre wie Ärger in mir aufsteigt. „So eine Unverschämtheit. Wie kann jemand nur so unachtsam durch die Gegend rasen.“ Ich beobachte meinen Ärger und erlaube mir, damit zu sein.

Nach einer Weile bemerke ich eine tiefe Stille hinter meinem Ärger. Es tut gut, zu fühlen, dass hinter allen Dingen die Liebe meiner Seele präsent ist - auch hinter meinem Ärger. Je länger ich damit bin, umso mehr schmilzt der Ärger und löst sich in der unendlichen Weite meiner Seele auf.

Auf einmal regt sich ein neues Verständnis in mir: „Ach so, die beiden preschen so schnell durch den Wald, weil sie die ganze Woche im Büro eingepfercht sitzen müssen. Sie sehnen sich danach endlich wieder lebendig zu sein. Sie denken überhaupt nicht daran, dass auch andere Menschen im Wald spazieren gehen möchten.“ Da fällt mir auch der schöne Ausspruch von Jeshua ein - von ihm gesagt zwar in einer viel extremeren Situation, aber vom Prinzip her vergleichbar: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Vergebung geschieht, wenn wir präsent werden und mit dem sind, was gerade ist. So schnell geschieht es, dass man urteilt, reagiert, provoziert, ablehnt, sich über andere stellt – da kann keine Vergebung geschehen. Nur wenn man sich erlaubt da zu sein, schutzlos da zu sein, wird Vergebung möglich.

Vielleicht ist Vergebung nichts anderes als das Erwachen von einem tieferen Verständnis in unserem Inneren. Vielleicht ist es auch der Moment, wo wir die Erwartung aufgeben, von allen Menschen verstanden und geliebt zu werden und wahrnehmen, wie es jetzt in diesem Augenblick wirklich ist – und damit sind.

Bild: Alaskan Dude Some rights reserved.