Sollte das Sterben ein Tabuthema sein? Drucken
Blogs - Leas Blog
Geschrieben von: Lea Hamann   
Donnerstag, 29. Juli 2010

Das Sterben ist ein Thema, über das außer in ganz bestimmten Kreisen (Sterbebegleitung, Hospizarbeit o.ä.) sehr wenig gesprochen wird. Im „normalen“ Alltag bleibt dieses Thema außen vor. Man hört zwar öfter, dass da und dort ein Baby geboren wurde, aber sehr selten wird offen über das Sterben gesprochen.

Mittlerweile habe ich ein sehr gelöstes Verhältnis zu diesem Thema, habe aber schon die Erfahrung gemacht, dass nicht jeder so begeistert davon ist. Es muss ja einen Grund dafür geben, dass nirgendwo offen über das Sterben gesprochen wird :-)

In unserer westlichen Welt wird das Thema Sterben meistens sorgfältig verdrängt, bis es uns dann unmittelbar begegnet. Wir tun irgendwie so, als wären wir unsterblich, als wären wir für immer in diesem Körper und in dieser Lebenssituation – bis wir irgendwann realisieren, dass es nicht so ist. Vielleicht erfahren wir vom Sterben eines Bekannten, Verwandten oder sogar eines ehemaligen Partners.

Ich empfinde es als hilfreich und klärend für mich, dieses Thema ab und zu in mir zu berühren. Es gibt gegenwärtig in meinem Leben keinen äußeren Grund, mich damit zu beschäftigen, doch ich möchte lieber nicht damit warten, bis mich irgendwann ein äußerer Grund dazu zwingt.

Ich empfinde die Tatsache, dass mein Körper – meine äußere Form – vergänglich ist, als etwas sehr befreiendes. Irgendwann wird sich diese Form auflösen, in der ich mich heute befinde. Meine Seele, die Lebendigkeit in mir, meine Essenz wird weiterhin da sein, aber die äußere Form verschwindet.

Das Sterben kann uns die Augen dafür öffnen, dass es jenseits der oberflächlichen Welt noch etwas anderes gibt. Es ist ein Geschenk, hier in dieser Welt sein zu können, in der wir so viele verschiedene Formen erfahren können. Und doch ist es tröstlich zu wissen: Es gibt noch mehr.

Natürlich muss man nicht auf den Moment des Sterbens warten, um sich dessen bewusst zu werden. Man kann jeden Tag nutzen, um mit dem stillen Sein im Inneren in Kontakt zu treten. Mehr und mehr wird die Liebe der Seele zum Hintergrund des eigenen Lebens. Im Vordergrund gibt es Dinge zu erledigen, das Leben tanzt seinen Tanz. Im Hintergrund ist ein Raum der Stille und der Geborgenheit.

Auch wenn äußere Formen kommen und gehen, gibt es etwas Unsterbliches in uns, was ewig ist und bleibt. Wir können unsere Seele nicht verlieren. Sie ist nicht an diesen Körper gebunden. Sie wohnt nur vorübergehend hier. Und wenn es Zeit wird, weiterzugehen, gehen wir weiter.

Muss ich wissen, wohin? Brauche ich eine genaue Vorstellung in meinem Verstand über das, was während und nach dem Sterben geschieht? Das bleibt jedem selbst überlassen. Ich empfinde es als beruhigend zu fühlen, dass meine Seele, immer weiß, wohin es weitergeht. Sie weiß es jetzt, während ich hier bin, und sie weiß es dann, wenn es Zeit wird weiterzugehen. Die Frage ist, ob ich damit im Einklang sein kann – heute und dann…

P.S. Falls dich das Thema anspricht kann ich dir das Buch von Sogyal Rinpoche Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben empfehlen. Es ist liebevoll geschrieben und begleitet über die Auseinandersetzung mit dem Sterben in eine tiefere Erfahrung des eigenen Lebens.