Schmerz Drucken
Blogs - Leas Blog
Geschrieben von: Lea Hamann   
Mittwoch, 14. Juli 2010

Alle Menschen auf dieser Erde, mit wenigen Ausnahmen, tragen eine gewisse Menge an Schmerz in ihrem Inneren. Mit „Schmerz“ meine ich alle Gefühle, die unangenehm sind, körperliche Wahrnehmungen die unangenehm sind, negative Gedanken, Unruhe, Stress – einfach alles, das wir lieber nicht fühlen möchten.

Dieser Schmerz wird zumeist abgelehnt oder vermieden. In unserer Gesellschaft ist es weit verbreitet, dem eigenen Schmerz auszuweichen. Der Schmerz wird überdeckt von fröhlichen Gesichtern, von äußerem Reichtum oder Unterhaltung. Doch hinter dieser Maske aus Lebendigkeit ist der Schmerz immer noch da.

Einige Menschen tragen sehr großen Schmerz in sich. Sie sind ständig „geladen“ und kleine Unannehmlichkeiten genügen, um sie zur Explosion zu bringen. Ihr Schmerz hat sehr viel Energie, die sich regelmäßig entladen muss. Diese Menschen müssen Streitereien nicht erst suchen, sie entstehen, wo immer sie auch sind. Ihr Schmerz ist so laut und die innere Anspannung so groß, dass sie überall anecken.

Natürlich hat jeder Mensch seinen Schmerz, der immer wieder aufsteigt und darauf wartet, sich lösen zu dürfen. Die Energie von Schmerz hat ihre ganz eigene Resonanz. Wenn jemand in meiner Umgebung seinen Schmerz auslebt, dann wird mein eigener Schmerz davon berührt. Bist du schon einmal wütend geworden, weil es deinem Partner schlecht ging? Das ist eine solche Situation. Der Schmerz des Partners hat deinen eigenen Schmerz berührt.

In einer Welt, in der kaum jemand übt, seinem eigenen Schmerz zu begegnen und damit zu sein, entsteht dauernd ein wahrer Domino-Effekt. Innerhalb von Familien geschieht es zum Beispiel oft, dass alle gemeinsam krank werden. Denn der Schmerz der Eltern löst den Schmerz der Kinder aus – und umgekehrt. Oder wenn es irgendwo eine hitzige Diskussion gibt, mischen sich sofort weitere ein, manchmal sogar unter dem Vorwand „schlichten“ zu wollen. Doch was daraus entsteht ist noch mehr Streit – oder eine Schlägerei.

Glücklicherweise hat dieser Schmerz auch eine positive Seite: Er kann dir dabei helfen, präsent zu werden. Du kannst üben, deinem Schmerz zu begegnen und damit zu sein, anstatt den Schmerz auszuleben. Das ist der Beginn von Heilung und Erwachen. Egal welcher Schmerz in dir aufsteigt – und egal wodurch er ausgelöst wurde – heiße ihn willkommen und erlaube dir, damit zu sein. Solange du den Schmerz beobachten kannst, bist du nicht dabei, deinen Schmerz auszuleben.

Der Verstand möchte natürlich alles tun, um das Feuer deiner Schmerzen weiter zu entfachen. Er flüstert uns zu: Er hat angefangen. Es ist ihre Schuld, nie lässt sie mich in Ruhe. Ich wurde verletzt, mir ist ein Unrecht geschehen. Ich muss mir das nicht bieten lassen. Unverschämtheit! Und wenn du diesen Gedanken folgst, bist du – schwupps – schon wieder mitten in deinem Schmerz.

Doch mit etwas Übung lernt man, zu beobachten, wie der eigene Schmerz berührt wird, auftaucht und anfängt sich zu lösen. Letztendlich ist in diesem Schmerz pure Lebensenergie gefangen, die sich wieder lösen möchte. Es ist eine wahre Befreiung den eigenen Schmerz zu beobachten, den Atem fließen zu lassen, präsent zu sein. Manchmal merkt man sofort einen tiefen Frieden. Obwohl Schmerz da ist, bin ich im Frieden mit dem jetzigen Augenblick.

Dieser Weg – dem eigenen Schmerz zu begegnen – ist das größte Geschenk, das wir in die Welt bringen können. Damit werden wir zu dem Dominostein im Kreislauf aus Schmerz, der nicht umfällt und seinen Schmerz ausagiert. Wir bleiben still. Wir atmen. Wir beobachten das, was ist. So wird man zu einer Insel des Friedens inmitten der Welt.

Bild: PhillipC Some Rights reserved.