| Perfekt sein müssen |
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| Blogs - Leas Blog |
| Geschrieben von: Lea Hamann |
| Donnerstag, 03. Dezember 2009 |
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Doch seit einigen Tagen wird der Name Tiger Woods mit etwas ganz anderem in Verbindung gebracht. Anscheinend hatte er seit Jahren Affären und eine seiner Freundinnen hat sich jetzt an die Klatschpresse gewandt, um ihre Geschichte zu erzählen. Und auf einmal ist Tiger Woods nicht mehr perfekt. Aber anstatt ihn als wirklichen Menschen mit Stärken und Schwächen zu sehen, gibt es in der öffentlichen Meinung meist nur Superhelden und Bösewichte. Und die Gefahr, die eigenen menschlichen Schwächen zu zeigen und als Bösewicht abgestempelt zu werden ist groß. Logischer weise verstecken Menschen in der Öffentlichkeit lieber ihr Menschsein und versuchen weiterhin Superhelden zu sein. (Auch hier in Deutschland…)
Über dieses Thema wollte ich schon längst einmal schreiben. Weil es mich auch beschäftigt. Das Perfekt sein müssen. Jeder kennt es, jeder hat es und bewusst oder unbewusst bemühen wir uns in tausend verschiedenen Situationen unseres Alltags darum, perfekt zu sein. Als ich damit begonnen habe, meine Arbeit anzubieten, dachte ich, nur wenn ich selbst perfekt bin, kann ich für andere da sein. Mein Problem war, dass ich so sehr ich es auch versuchte, das Perfekt-Sein nie erreicht habe. Und eines schönen Tages entschloss ich mich, mit meiner Arbeit zu beginnen - obwohl ich noch nicht perfekt war. Tief im Inneren hoffte ich aber trotzdem noch, eines Tages perfekt zu werden. Und ich hatte einige Vorbilder, spirituelle Menschen, die ihre eigene Menschlichkeit aus ihrer Arbeit ausgeklammert haben. Die ihre Schwächen, das was ihnen persönlich schwerfällt, verachten und sie in die Ecke schieben, wo es keiner sieht. Jedesmal wenn ich ein solches Seminar besuchte, oder mit diesen Menschen zusammentraf, wurde etwas in mir sehr traurig. Denn wieder einmal merkte ich, dass man perfekt sein muss. Man wird niemals so geliebt, wie man wirklich ist, man hat nie das Gefühl in Ordnung zu sein - so wie man gerade ist. (Auch wenn diese Menschen seltsamer Weise immer von Mitgefühl und bedingungsloser Liebe sprechen.) Den Wandel, den ich in mir gerade erlebe, führt mich zu einem neuen Vorbild. Heute staune ich nicht mehr über Menschen, die ihren eigenen Schatten erfolgreich beiseite schieben, um perfekt zu sein. (Das kann ja jeder!) Ich staune vielmehr über Menschen, die den Mut haben, Mensch zu sein. Das ist viel interessanter für mich geworden. Mehr und mehr hält meine eigene Menschlichkeit Einzug in meinen Einzelsitzungen und Seminaren - und auch hier auf dieser Webseite. Es ist zunächst etwas seltsam. Denn hinter dem Perfekt-Sein kann man sich ganz toll verstecken. Man kann sich selbst auf einen Sockel stellen und von oben herunter schauen. (Wenn nur nicht der Sockel so furchtbar unbequem und einschränkend wäre…) Mich in meinem Leben und in meiner Arbeit ankommen zu lassen, so wie ich bin, ist ein großes Abenteuer für mich. Ohne Mauer, ohne Filter, ohne Maske - einfach da zu sein. Doch es gibt mir die Gelegenheit zu fühlen, wer ich bin und einen Teil von mir liebzugewinnen, für den sonst nie Platz war. Gestern habe ich per Email eine ganz treffende Frage zu diesem Thema bekommen: Jetzt habe ich mich heute gefragt ob Du immer so in Deiner Mitte bleiben kannst? Also ob Du wohl "Krisenfrei" bleibst? Ich finde es unheimlich interessant und schön wie Du Deine Blogs schreibst. Aber hat es denn bei Dir auch gedauert bis Du Deine Seele so ganz wahrnehmen und leben konntest? Nein, ich bin nicht perfekt. Ich habe solche und solche Tage. Ich bin nicht krisenfrei. Und es hat ganz schön lange gedauert, bis ich meine Seele fühlen konnte. Und obwohl es einige Bereiche gibt, in denen ich inzwischen sehr gut bin, gibt es immer wieder Neues, wo ich ganz von vorne anfange. Zwar kann ich wunderbar mit der Energie anderer Menschen umgehen, aber als wir letztes Jahr unseren Hund bekommen haben, stand ich erst einmal auf dem Schlauch, denn damit hatte ich überhaupt keine Erfahrung. Worauf ich heute stolz bin ist nicht, meinen eigenen Schatten zu verdrängen und ein Bild von Perfekt-Sein in die Welt zur tragen, sondern ich bin stolz darauf, dass für meine Schattenseiten mehr Verständnis und Wärme da ist. Ich bin stolz darauf, das Lügenbild "Perfekt-Sein" nicht weiter zu tragen, sondern dafür lieber mich selbst in die Welt zu bringen. Und während ich mich selber sein lasse, wie ich bin, lerne ich auch andere Menschen anders zu sehen. Ich sehe nicht mehr, wie sie gerne sein würden, sondern wie sie wirklich sind. Und das bewahrt mich davor an das Perfekt-Sein von anderen zu glauben. Vielleicht hast du einmal erlebt, wie ein scheinbar perfekter Mensch etwas tut, was nicht ins Bild passt, und schon platzt die Seifenblase. Lustigerweise erwarten wir von anderen Menschen nämlich auch, perfekt zu sein, und wehe, sie werden den Anforderungen nicht gerecht. Dann werden sie vom Superheld ganz schnell zum Bösewicht. Aber vielleicht sind sie eben einfach nur Menschen mit Stärken und Schwächen. Für mich ist diese Menschliche Spiritualität etwas ganz Neues. Oft habe ich spirituelle Menschen sehr abfällig darüber reden hören, dass es in manchen Gruppen "menschelt". (Das bedeutet, dass Menschen ihrem perfekten spirituellen Bild nicht gerecht werden, sondern ihre menschlichen Seiten wie Angst, Neid, Einsamkeit auf der Bildfläche auftauchen.) Für mich ist es eher schön, wenn der Mensch in den Vordergrund rückt und wir lernen, dass niemand perfekt ist - zumindest nicht so, wie wir es erwartet haben. Ich schaue gerne in die Natur und frage mich: Wann ist etwas perfekt? Ist eine Pflanze im Winter perfekt, wenn im Außen alles leer ist und sie sich im Inneren auf das Neue vorbereitet? Oder ist eine Pflanze viel eher im Frühling perfekt, wenn alles zu grünen und blühen beginnt? Oder ist eine Pflanze im Sommer perfekt, wenn Dinge zu wachsen beginnen - oder im Herbst, wenn die Früchte reifen? Und ganz ehrlich, ich glaube es gibt keinen Moment, den ich für sich alleine genommen als perfekt bezeichnen kann. Oder ist das Perfekt-Sein eher in der Schönheit der Veränderung, des ständigen Wachsens, des ständigen Nicht-Perfekt-Seins zu finden? Ich glaube schon. Also lerne ich für mich persönlich, meine Perfektionsbrille abzusetzen und mich mit ganz neuen Augen zu sehen. Ich beobachte was wächst, was sich wandelt, was innerlich reif wird, was noch verborgen ist und lerne damit Frieden zu schließen und mir zu vertrauen. Und das ist ganz schön perfekt, zumindest für mich. Bild: doug88888 Quelle: Flickr.com |












