Keine Rolle ist auch eine Rolle PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Lea Hamann   
Dienstag, 06. Dezember 2011

Vor ein paar Wochen habe ich in unserem Online-Lernraum Wohnzimmer bemerkt, dass eine große Veränderung innerhalb dem Schüler-Lehrer-Verhältnis stattfindet. Etwas ist dabei aufzubrechen und ins Fließen zu kommen. Wir haben dieses Thema im Wohnzimmer bewegt, was ich sehr schön finde.

Seither bekomme ich mit, dass es bei vielen erwachenden Menschen die Tendenz gibt,  das Loslassen bestimmter Rollen gleich wieder zu einer neuen Rolle zu machen. :-) Anstatt zu sagen: „Ich bin Lehrer“ muss es nun heißen „Ich bin nicht Lehrer“. Anstatt zu sagen: „Ich bin Schüler“ muss es nun heißen: „Ich bin nicht Schüler“. Es darf keine festen Regeln mehr geben, keine Struktur und kein Ziel. Alles muss offen sein. Doch ist dieses zwanghafte Kein-Schüler oder Kein-Lehrer-Sein wirklich frei?

Ich glaube, es gehört zum Erwachensprozess dazu, alte Rollen loszulassen. Es ist sogar ein ganz wichtiger Schritt. Wir erkennen, dass wir uns ein Leben lang als Schüler (oder Lehrer) gesehen haben und lassen unsere Verhaftung damit los. Ein tiefes inneres Aufatmen ist die Folge dieses Loslassens. Es fühlt sich an, als dürfte unser Wesen zu enge Kleidung abstreifen und sich ausdehnen und entspannen.

Doch dann kommt der Verstand und stellt Bedingungen an diese Freiheit. Der Verstand sagt: „Ich bin nur frei, wenn ich nicht innerhalb einer Rolle bin. Ich darf nichts mehr sein. Keine Mutter, keine Tochter, keine Freundin, kein Freund, kein Partner, kein Lehrer, keine Schülerin, keine Teilnehmerin, kein Büroangestellte - denn sonst bin ich nicht frei.“

Es gibt viele Gurus in Indien, die auf der Suche nach Freiheit versucht haben, der äußeren Welt zu entsagen. Sie sagen: „Ich treffe keine Entscheidungen mehr - Gott allein soll dieses Leben bewegen.“ (Allerdings hört sich das für mich sogar nach einer sehr radikalen Entscheidung an.) Aber alles was wir tun, wo auch immer wir uns hinbewegen und zurückziehen - als Menschen sind wir Teil der äußeren Welt und damit auch ein Teil des Rollenspiels hier auf der Erde.

Solange wir als Menschen auf dieser Erde leben, werden uns Rollen begleiten. Es ist keine bestimmte Rolle, die uns einschränkt oder eine bestimmte Rolle, die uns Freiheit geben kann. Unsere Freiheit liegt dort verborgen, wo wir uns innerhalb aller Rollen und jenseits aller Rollen erkennen.

Im Buddhismus gibt es die Herz-Sutra, die dieses Paradox in wenigen Worten zusammenfasst: "Jede Form ist Leere, und alle Leere ist Form." In den Upanishaden (eine Sammlung spiritueller Texte aus dem Hinduismus) gibt es die schönen Aussage:  "Diese Welt ist eine Illusion - nur Brahman ist Wirklichkeit. Und die ganze Welt ist Brahman." Die äußeren Formen sind untrennbar mit der formlosen ewigen Wahrheit in unserem Inneren verbunden.

Die westlichen Traditionen haben ihr Augenmerk tendenziell mehr auf die Form gelegt, und die östlichen Traditionen haben ihr Augenmerk mehr auf die Formlosigkeit gelegt - doch wahre Meisterschaft beginnt dort, wo wir uns selbst sowohl in der Form als auch in Formlosigkeit erkennen.

Bedeutet das also, dass wir alte Rollen nicht loslassen dürfen? Nein. Der Erwachensprozess führt uns ganz von alleine in ein Loslassen. Wie befreiend, wenn wir aus diesem Loslassen nicht gleich wieder eine neue Rolle machen! Rollen kommen und gehen. Das ist vollkommen okay. Wenn du deinem Kind etwas erklärst, bist du in diesem Moment eine Lehrerin. Wenn du in einem Geschäft arbeitest, bist du für diesen Moment Verkäufer oder Buchhalter. Solange wir nicht an diesen Rollen festhalten, sind die Rollen einfach nur Teil unseres sich ewig wandelnden Ausdrucks.

Keine Rolle dieser Welt - noch so schön oder unangenehm sie sein mag - sagt wirklich etwas über dich aus. Du bist die Liebe, die durch jede Rolle fließt. Du bist jenseits davon. Und doch ist jede Rolle eine Form durch die dein wahres Sein sichtbar wird.

Jeder Baum ist eine Form Gottes. Jede Rolle ist eine Form des Formlosen. Die Einladung an erwachende Menschen ist, anmutig von einer Form zur nächsten zu fließen, ohne eine bestimmte Rolle zu fürchten oder an einer bestimmten Rolle festzuhalten.