Homeschooling - Freilernen PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Lea Hamann   
Mittwoch, 25. Februar 2009

Interview mit Joya Marschnig

 

Seit einigen Monaten verfolgen wir sehr interessiert die verstärkte Entwicklung eines Trends, Kinder zuhause zu unterrichten. Das sogenannte Homeschooling ist in vielen Ländern ganz problemlos möglich. In Deutschland sind die gesetzlichen Strukturen enger, hier ist Homeschooling noch verboten.

Wir haben Joya Marschnig, die in Österreich lebt und sich für ihre Kinder ebenfalls für das Homeschooling entschieden hat, zu ihren persönlichen Erfahrungen damit befragt. (Joya ist außerdem eine unserer Übersetzerinnen ins Englische für die Sophia-Serie, und wir freuen uns sehr, dass sie sich Zeit genommen hat, unsere Fragen zu beantworten.)

Was waren deine Beweggründe, dich zu entscheiden, dein Kind zuhause zu unterrichten?

Unsere Tochter Lisa hat mit 6 Jahren so wie jedes andere Kind mit der Schule begonnen – wir hatten zu dem Zeitpunkt noch nicht die geringste Ahnung, was uns erwarten würde. Ich möchte die folgenden zwei Jahre gar nicht genau beschreiben und bin heute doch dankbar für diese Erfahrung, die uns dann den Schritt ins Freilernen, wie ich heute am liebsten dazu sage, förmlich aufgezwungen hat.

Jedenfalls hatten wir einen Punkt der Verzweiflung erreicht, an dem dann klar war, dass wir das keinen Tag länger mitmachen wollen. Für mich als Mutter war es unerträglich, mein früher so aufgewecktes, kreatives und fröhliches Kind als Häufchen voller Selbstzweifel und Überforderung vor mir zu sehen – und mich als Erfüllungsgehilfin eines Systems, das angeblich die Kinder fördern und bilden soll. Mir war auch sehr klar geworden, dass die natürliche Neugier, der Forscherdrang und das freie Fließen der Kreativität unserer Tochter durch die starren Strukturen der Schule sehr stark gehemmt und eingeschränkt worden sind.

Nachdem in unserer näheren Umgebung keine einzige Schule mit alternativ-pädagogischen Konzepten arbeitet, war die Abmeldung in den "Häuslichen Unterricht", wie das hier in Österreich heißt, die einzige Möglichkeit, unserer Tochter eine geschützte Umgebung zu bereiten, in der sie einerseits ihre Schulerfahrungen heilen und dann auch einen neuen Zugang zum Lernen finden konnte.

Wie haben die örtlichen Schulbehörden auf eure Entscheidung reagiert?

Wir haben vor unserer Entscheidung sämtliche Schritte innerhalb des Systems durchlaufen – viele Gespräche mit der Klassenlehrerin, mit dem Direktor, mit dem Schulpsychologen und mit der Bezirksbehörde. Die wichtigsten Schritte haben wir allerdings in uns selbst gemacht - ich habe mir meine eigenen Kindheitsschmerzen hoch geholt und einige Tage lang durchgeweint. Als wir dann in uns ganz klar waren, hat sich auch alles im Außen ganz leicht gelöst.

Wie geht es deiner Tochter, seit sie zuhause lernen darf? Bemerkst du da Veränderungen?

Die ersten Monate waren wie die Rekonvaleszenz-Zeit nach einer schweren Krankheit. Nun, nach vier Jahren Freilernen können wir uns kaum noch an diese Zeit erinnern – wir können und wollen uns ein vom herkömmlichen Schulalltag bestimmtes Leben auch gar nicht mehr vorstellen!

Könntest du uns beschreiben, wie ein ganz „normaler“ Schultag bei euch aussieht?

Es gibt bei uns keinen normalen Schultag. Leben, Lernen, Arbeiten sind Eins – da gibt es keine Trennung in Arbeit und Freizeit, Schule und Ferien, Werktage und Wochenenden. An manchen Tagen setzt sich Lisa sofort nach dem Aufstehen an ihren PC und schreibt an einer Geschichte oder Emails an ihre Freundinnen. Oder sie blättert in der Zeitung und wir sprechen über die Dinge, zu denen sie Fragen hat. Oder wir haben Besuch und die Kinder verschwinden gleich nach dem Frühstück in den Wald oder auf den Kletterbaum. Auch in unser Erwachsenenleben ist sie sehr stark integriert – Kochen, Saubermachen, Tiere versorgen, Garten und Haushaltskasse bieten unzählige Lernsituationen, die wir immer dann aufgreifen, wenn das Interesse des Kindes da ist.

Viele Eltern würden ihren Kindern gerne Alternativen zur herkömmlichen Schulausbildung ermöglichen, haben aber große Angst, dass ihre Kinder dann niemals Lesen und Rechnen lernen werden. Was sagst du aus deiner Erfahrung dazu?

Ich bin mittlerweile so weit weg von dem herkömmlichen Glauben, dass Kinder nur dann lernen wollen, wenn sie dazu angeleitet werden.  Meiner Meinung nach ist das Wichtigste, den Kindern vorzuleben, dass auch wir uns ständig Informationen und Wissen aneignen und es einsetzen. Und dann brauchen die Kinder Erwachsene, die ihre Fragen beantworten, sobald sie auftauchen – und zwar am allerbesten genau dann und nicht vorher!

Ebenso wichtig finde ich es, dass Kinder ihre eigenen Wege finden, die selbst gewählten Aufgabenstellungen zu lösen, dass sie ihre Neugier und Kreativität erhalten, probieren und erforschen können. Lesen, Schreiben und Rechnen sind Bestandteile des alltäglichen Lebens – und ein gesundes Kind strebt von sich aus nach Selbständigkeit, sobald es dazu bereit ist - und wenn die Eltern auch bereit sind, das Kind zu entlassen und zu unterstützen.

Interessanterweise sind im Kleinkindalter, wenn es darum geht, Sitzen, Stehen, Laufen und Sprechen zu lernen, diese Befürchtungen allgemein nicht vorhanden. Da ist es inzwischen sogar üblich, den Kindern Zeit zu lassen und ihnen zuzugestehen, dass das eine schon mit 10 Monaten, das andere erst mit 15 Monaten laufen lernt; das eine schon mit einem Jahr munter drauflos plaudert, das andere erst mit drei Jahren vollständige Sätze spricht. Mit dem Schuleintritt im Alter von 6 Jahren scheint das alles plötzlich anders zu werden, da sollen alle Kinder zur selben Zeit das Gleiche lernen und brauchen konsequente Vorgaben und Anleitung.

Sophia betont in unseren Channelings immer wieder, dass es heilsam für die Entwicklung von Kindern ist, wenn sie in ihrem natürlichen Rhythmus lernen dürfen, anstatt einem starren Raster zu folgen – siehst du das auch so?

Für jede Tätigkeit gibt es den richtigen Zeitpunkt und wir können uns mittlerweile kaum mehr vorstellen, von einer Uhrzeit oder von einem Lehrplan vorgegebene Tätigkeiten zu verrichten, die diesem Prinzip entgegenstehen.

Zuerst habe ich beobachtet, wie leicht und einfach meine Tochter verschiedene Inhalte erfassen kann, wenn ich ihr die freie Wahl überlasse, wann sie was bearbeiten will. Die nächste Beobachtung war, dass sie sich fast ausschließlich blockweise mit ihren Themen beschäftigt, zB. sich mit einer neuen CD-Rom mehrere Tage oder auch Wochen hindurch intensiv auseinandersetzt. Dann gibt es auch immer wieder Phasen, in denen sie augenscheinlich "nichts" tut. Sie begibt sich in eine Art Ruhezustand, aus dem heraus dann die nächste Aktivitätswelle beginnt.

Was wir so sehr genießen, ist der völlig freie Fluss von Aktivität und Ruhephasen – und das gibt es eben in einer Schule oder an einem herkömmlichen Arbeitsplatz nicht, wo 5 Tage pro Woche Anwesenheit gefordert sind, wo es fixe Ferienzeiten gibt, und in der die Kinder während des Schuljahres nur durch Krankheit ihre nötigen Auszeiten erhalten können. Unsere Tochter war in den letzten Jahren nie krank! Gelegentlich einmal ein kleines Bauchweh oder ähnliches – dann reicht ein ruhiger Tag und die Sache ist wieder erledigt.

Die intensive Beobachtung und Auseinandersetzung mit diesen Rhythmen hat natürlich auch mich selbst, meinen Partner und all die lieben Menschen um uns herum, die uns begleiten und unterstützen, dazu bewegt, unsere eigenen Rhythmen zu hinterfragen und schließlich immer mehr die von vorgegebener Zeit bestimmten Tätigkeiten in unserem Leben umzuwandeln. Heute leben wir zu einem Großteil "ich will" statt "ich muss", gestalten unsere beruflichen Aktivitäten nach diesem Grundsatz und staunen immer wieder, wie effektiv und in wie kurzer Zeit wir das fertig bringen, was wir uns vornehmen. Aus meiner Sicht ist es also sowohl für Kinder als auch Erwachsene heilsam und ganz natürlich, in unserem eigenen Rhythmus zu lernen, zu arbeiten und zu leben!

Einige Eltern in Deutschland würden ihre Kinder gerne zuhause unterrichten, aber momentan ist dies wegen der Rechtslage in Deutschland noch nicht so einfach möglich. Viele dieser Familien, denen es wirklich wichtig ist, wandern z.B. nach Österreich oder in die Schweiz aus. Aus deiner Erfahrung über die Vorteile des Homeschooling – ist es das wert?

Ich kenne auch einige deutsche Familien, die heute aus genau diesem Grund in Österreich leben. Für sie und auch für uns selbst ist es das wert – ich könnte mir heute kein anderes Leben mehr vorstellen.

Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass Freiheit untrennbar verbunden ist mit Verantwortung für sich selbst und die eigene Lebensgestaltung. Die Frage für mich heißt daher: Bin ich es mir selbst wert, in Freiheit zu leben, zu lernen, zu arbeiten? Halte ich mich und meine Kinder für fähig, das Leben selbstverantwortlich zu gestalten, oder brauche ich dazu eine vorgegebene Struktur von außen, die mir meine Lebensgestaltung vorgibt?

Danke liebe Joya, für dieses interessante Interview.



 

Interessierte Eltern und Kinder, die sich weiter informieren möchten, können gerne per Email mit Joya Marschnig Kontakt aufnehmen.
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Die österreichische Freilerner-Plattform:
www.diefreilerner.eu

Hier ein weiterer Bericht über Homeschooling, in dem Joya ebenfalls zu Wort kommt:
www.diepresse.com

Dieser Text ist Bestandteil der Webseite www.eelea.de. Dieser Text darf unverändert und im Ganzen, unter Hinzufügung dieser Fußnote, gerne frei weitergegeben werden.