Ein heilsames Nein PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Lea Hamann   
Freitag, 13. Mai 2011

In den letzten Monaten berichten mir viele Klientinnen, dass sie in ihrem Inneren einem tiefen Nein begegnen. Dieses Nein war niemals zuvor so deutlich da, so klar und so unumgänglich. Manchmal ist es ein Nein gegenüber den Pflichten, die sie jahrelang für ihre Familie übernommen haben. Manchmal ist es ein Nein gegenüber der Zeit, die sie ein Leben lang für andere Menschen aufgebracht haben. Manchmal ist es auch ein Nein ihrem Partner gegenüber. Ein Nein zu Nähe, zu Sexualität oder gemeinsamen Unternehmungen.

Die meisten Frauen reagieren mit einer großen Scham auf dieses Nein. Es scheint tief in unserem Inneren einprogrammiert zu sein, dass man als Frau immer da zu sein hat. Man sollte immer offen sein, immer ja sagen, immer umsorgen, pflegen, Wärme und Nähe schenken. Sicherlich sind diese Qualitäten ein natürlicher Ausdruck der femininen Energie. Doch neben den Fähigkeiten und Qualitäten des Weiblichen tragen wir auch die Wunden und Narben der femininen Energie in uns. Wir tragen die Scham, die Schuld und die Wertlosigkeit in uns. Wir folgen dem Drang uns selbst aufzuopfern und immer nur für andere da zu sein.

Ein Nein ist im Grunde der Anfang einer tiefen Heilung der femininen Energie. Ein Nein bringt dich dazu, aus dem alten Spiel auszusteigen. Ein Nein gibt dir den Raum, für eine bestimmte Zeit deinem eigenen Schmerz zu begegnen, der hinter der lächelnden Fassade verborgen war. Ein solches Nein, das aus deinem Inneren spricht, ist ein Zeichen deiner Seele. Sie hilft dir zu erkennen, dass es jetzt um deine eigene Heilung geht – nicht um die Erfüllung deiner Erwartungen an dich selbst. Kannst du dir erlauben, diese Zeit für dich anzunehmen? Kannst du dir liebevoll gewähren, einmal nicht zu funktionieren – auszusteigen aus dem Bild, wie du sein solltest und dich selbst sehen, wie du wirklich bist?

Viele Frauen befürchten, dass dieses Nein niemals wieder weggehen wird. Sie fühlen den Druck hinter diesem Nein, das sie über so lange Zeit nicht sagen durften, und glauben für einen Moment, dass - wenn sie einmal Nein sagen - sie für immer Nein sagen werden. Doch das Nein bleibt nur so lange da, wie wir es brauchen, um zu heilen. Ein Nein ist wie ein schützender Gipsverband, der unseren gebrochenen Knochen Halt und Stille gibt, damit sie heilen können. Wir werden heilen. Atemzug für Atemzug, Schritt für Schritt.

Wenn du dich deinem Nein hingibst, wird Veränderung in deinem Leben geschehen. Besonders in deiner Beziehung zu deinem Partner oder deiner Familie wird sich vieles wandeln. Dein Partner darf lernen, dass er kein "Recht" auf dich hat. Er hat kein Recht auf deine Nähe, auf deinen Körper und auf deine Fürsorge. All das ist ein freiwilliges Geschenk, das du geben kannst, wenn du möchtest und kannst. Doch es ist niemals ein Recht. (Natürlich wächst mit unserer eigenen Freiheit, die wir uns schenken auch ein Verständnis für die Freiheit, die unser Partner braucht. Wir entlassen ihn aus seinen Verpflichtungen, die er momentan nicht mehr tragen kann.)

Dieses Umlernen braucht Zeit und es ist nicht immer einfach. Stell dir vor, du wärst in dem Glauben aufgewachsen, dass du ein Recht auf etwas hast – und auf einmal kommt da ein Nein. Bestimmt würdest du zuerst einmal mit Angst, Wut oder Traurigkeit auf diese Veränderung reagieren. Ein gutes Beispiel dafür ist das Ende der Sklaverei in den Südstaaten der USA. Die Menschen damals sind in dem Glauben aufgewachsen, sie hätten ein Recht auf die Dienste der Sklaven. Als die Sklaverei dann abgeschafft wurde, reagierten viele zunächst mit Wut und Unverständnis, besonders die Plantagenbesitzer deren Reichtum zum großen Teil durch die Sklavenarbeit entstanden ist.

Wenn wir mit einem Nein konfrontiert werden glauben wir vielleicht sogar, dass wir nicht mehr geliebt werden. Doch wenn wir bereit sind, diese Veränderung bis zum Ende zu durchlaufen, werden wir bemerken, dass auf einer neuen Ebene ein gereiftes, befreites Miteinander möglich wird. In diesem Miteinander gibt es mehr Raum. Mehr Raum für Mitgfühl, mehr Raum für Nähe, mehr Raum für dein Leben.

Wenn du möchtest, kannst du innehalten und wahrnehmen, ob du diesem Nein von dem ich spreche in der letzten Zeit begegnet bist. Wie stehst du zu deinem Nein? Verdrängst du es oder gibst du deinem Nein Raum um dein Leben zu verändern? Welche Gefühle begegnen dir, wenn du deinem Nein folgst? Wie reagiert deine Umwelt auf dein Nein? Du bist eingeladen, diesen tiefen Heilungsprozess liebevoll anzunehmen und alle Gefühle und Erfahrungen – gerade auch die unangenehmen – liebevoll zu halten. Atemzug für Atemzug heilt die feminine Energie und findet ihren Platz. Atemzug für Atemzug darf die maskuline Energie heilen und ihren Platz wieder einnehmen. So wächst ein neuer Frieden – für uns alle.