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Das weiche Atmen dient dem Überwinden von Trennung. Wenn wir uns umschauen in der Welt sehen wir beinahe überall Distanz, überall Feindschaft oder sogar Kampf. Das gängige Glaubenssystem sagt uns, es sei besser sich zu schützen und abzugrenzen. Das gängige Glaubenssystem sagt uns, das sei der sichere Weg. Doch wenn wir diesen Weg gehen, wird nach und nach alles zu unserem Feind. Von unseren Nachbarn bis zum Finanzamt, von unseren Eltern bis zu den Lehrern in der Schule oder unseren Vorgesetzten bei der Arbeit – überall ist diese Distanz, diese Unsicherheit.
Oftmals wissen wir nicht so genau, was von uns erwartet wird. Soll ich freundlich sein? Soll ich mich wehren? Soll ich mir das gefallen lassen? Und so gehen wir strategisch gegen die Außenwelt vor. Einerseits wünschen wir uns das Gefühl von Harmonie, von Frieden im Inneren und auch in der Außenwelt, aber wir sind manchmal sehr weit davon entfernt. Oftmals hören wir von Menschen, dass sie bereit wären Frieden zu schließen, wenn ihre Gegner zuerst die Waffen fallen lassen würden.
Das weiche Atmen ist aus der Erkenntnis entstanden, dass das Weiche letztendlich stärker ist als jede Härte. Dies hat schon Lao Tse herausgefunden als er im Tao Te Ching scheibt: „Das Weiche und Schwache überwindet das Harte und Starke.“ (Zitat:36.Vom tiefen Zusammenhang, Lao Tse)
Lustigerweise sehen wir das überall – selbst in der Bauweise von Hochhäusern oder Brücken. Damit hohe Gebäude dem Sturm standhalten können, entwickelt man sie nicht statisch und solide, sondern man baut mit Absicht Fragmente ein, die beweglich sind und dem Wind nachgeben können. So können die Hochhäuser - durch ihre Weichheit - dem Sturm standhalten und sicher stehen.
Die Technik des weichen Atems, wenn man hier von Technik sprechen möchte, beginnt mit dem Fließen lassen des Atems. Was bedeutet eigentlich Fließen lassen? Ich möchte es einmal so beschreiben: Sobald wir das Bewusstsein auf unseren Atemfluss lenken, das heißt bewusst atmen, beginnt manchmal das Spiel, das ich hier als „Manipulation“ bezeichnen möchte. Wir beobachten den Atemfluss und sofort sind alle Erinnerungen da, die wir im Bezug auf das Atmen haben. Vielleicht hast du einmal einen Yoga-Kurs gemacht und etwas über das Atmen gelernt, vielleicht hast du einmal eine schmerzliche Erfahrung gemacht, als du schwer atmen konntest, all diese Dinge tauchen auf. Und meistens versuchen wir dann ganz bewusst, den Atem zu verändern. Vielleicht versuchen wir, tiefer zu atmen. Vielleicht versuchen wir, langsamer zu atmen.
Doch was geschieht, wenn ich den Atem so sein lasse, wie er jetzt gerade ist? Was geschieht, wenn ich den Atem fließen lasse, ohne ihn zu bewerten, ohne ihn zu manipulieren? Der unschuldige, echte Fluss meines Atems. Und selbst wenn nebenbei die Gedanken rasen, oder die Beine kribbeln, oder die Unruhe sich breit macht – du bist im Jetzt angekommen. Das, was spirituelle Sucher über Jahrtausende hinweg erstrebt und erarbeitet haben, ist im Grunde sehr einfach: Das Beenden deines Kampfes bringt dich ins Jetzt. Sobald du bereit bist, dich sein zu lassen, wie du jetzt bist, kannst du im Jetzt ankommen.
Fakt ist, dass fast alle Menschen von verschiedenen Anteilen ihres Selbst getrennt leben. Getrennt von ihrer Intuition, getrennt von ihrer Freude, getrennt von ihrer Leidenschaft oder von ihrer Liebe. Sie haben diese Trennung aus verschiedenen Gründen gesucht. Und meistens haben diese Gründe eines gemeinsam: Sie alle sind aus der Angst entstanden. Aus der tiefen Angst, berührt zu werden von Gefühlen. Aus der tiefen Angst vor der eigenen Seele, vor dem eigenen inneren Reichtum und der unendlichen Liebe, die wir besitzen.
Das weiche Atmen bietet einen einfachen Weg, wieder in Kontakt zu kommen mit diesen Anteilen. Die Trennung zwischen dir und deinem Reichtum ist eine Art Anspannung. Dies erinnert mich immer wieder an die Zellbiologie, wo wir lernen, dass durch die Zellmembran manche Stoffe hindurchfließen und andere nicht. Stelle dir also vor, dass eine Art Membran zwischen dir und deinem Reichtum existiert. Vielleicht hast du in der Vergangenheit schon versucht, diese Membran aus dem Weg zu schaffen. Vielleicht bist du gegen diese Wand gerannt und hast wieder und wieder herausgefunden, dass der Weg der Gewalt nicht funktioniert.
Härte ist nicht der Weg. Jedesmal, wenn du mit Gewalt versuchst, etwas zu verändern, wird die Trennung stärker sein. Jedesmal, wenn du mit Anstrengung versuchst, etwas zu verändern, erzeugst du eine gegenläufige Energie, die dich zurückhält. Je mehr Kraft du aufwendest, desto stärker wird auch diese gegensätzliche Energie. Vielleicht hast du schon einmal erlebt, wie weich und beweglich das Element Wasser ist. Vielleicht kennst du das Gefühl, langsam in ein Schwimmbecken voller Wasser hineinzugleiten. Das Wasser ist weich und bietet dir keinen Widerstand. Doch was geschieht, wenn du mit einer angespannten Hand auf die Wasseroberfläche klatschst? Wie reagiert das Wasser auf dich? Es ist hart. Hart wie Stein.
So wie du auf die Welt zugehst, so reagiert sie auf dich.
Je härter du bist, je mehr du dich anstrengst, desto mehr Härte und Spannung begegnet dir in deinem Leben. Je weicher und offener du bist, desto mehr Leichtigkeit und Offenheit begegnen dir in deinem Leben. Das weiche Atmen holt dich in deinem Jetzt ab, wenn du deinen Atem frei fließen lässt. Nun beginnst du langsam, deinen Atem weicher werden zu lassen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Wellen des Ozeans. Stell dir vor, jeder Atemzug gleicht einer Welle, die an den Strand rollt. Es gibt hohe Wellen und es gibt sanfte Wellen. Du beginnst also langsam, diese Wellen deines Atems weicher werden zu lassen. Die hohen Wellen werden flacher und weicher. Du erlaubst deinem Atem weicher zu werden. Du beobachtest, wie weich dein Atem sein kann. Dabei kannst du bemerken, wie auch dein Körper weicher und offener wird. Alles wird von deinem weichen Atem berührt und verwandelt sich.
Wie die Wellen des Meeres, die Steine rund schleifen, die Ecken und Kanten abrunden, so lässt der weiche Atem dich selber weich werden. Und höchstwahrscheinlich begegnen dir während diesem weichen Atem alle möglichen Gefühle, Erinnerungen und Wahrnehmungen. Vielleicht merkst du, wie ein ganz tiefer Stress auftaucht und du so nervös wirst, dass du am liebsten gleich wieder aufspringen möchtest. Lass deinen Atem wieder weich werden und beobachte, was geschieht! Was geschieht mit dem angestrengten Anteil von dir, wenn er eine Weile in deinem weichen Atem schwimmen darf? Was geschieht mit den verkrampften Muskeln, wenn dein weicher Atem sie berührt? Erlaube dir zu fühlen, wie der weiche Atem alles verwandelt, was er berührt.
Du kannst für dich selber spüren, wie lange du in diesem weichen Atem bleiben möchtest. Ich empfehle für den Anfang diesen Atem jeden Tag zu erfahren. Ob morgens oder abends – nach dem Aufwachen oder in der Mittagpause, jedesmal wenn du dich diesen Atem erfahren lässt wirst du fühlen, wie viel einfacher und selbstverständlicher es wird, sich auf den Atem einzulassen. Beobachte, wie du dich nach dem Atmen fühlst, beobachte, wie sich dein Körper anfühlt. Du kannst ausprobieren, ob du lieber im Sitzen oder im Liegen atmen möchtest.
Es gibt beim Weichen Atmen keine festen Regeln, denen du folgen musst. Sondern du bist vielmehr eingeladen, dich der Frage zu stellen: Was tut mir gut? Lange Zeit haben wir es nämlich vorgezogen uns vor dieser wichtigen Frage zu drücken. Die großen Religionen sind unter anderem aus dem Bedürfnis heraus entstanden, dass es einen vorgegebenen Weg geben möge, eine Art spiritueller Autobahn, auf der man sich weiterbewegen kann. Und für eine Weile hat dies eine wundervolle Geborgenheit vermittelt. Ähnlich, wie die Eltern für ihre Kinder einige Entscheidungen übernehmen und ihnen Regeln vorgeben, innerhalb derer die Kinder sich sicher und geborgen fühlen können. Doch irgendwann kommt der Tag, an dem die Eltern diese Verantwortung wieder zurückgeben müssen. Und irgendwann kommt der Tag, an dem die Kinder selber entscheiden müssen: Was fühlt sich gut an für mich? Was ist angenehm und was nicht? Und so bist du eingeladen, ein neues Gespür für dich zu entwickeln, ein neues Vertrauen zu dir selbst.
Das Weiche Atmen ist ein wundervolles Hilfsmittel auf dem Weg zu dir selbst. Ich erlebe die Auswirkungen und Erfolge des weichen Atems Tag für Tag in meiner Arbeit mit meinen Klienten. Ich beobachte, wie unglaublich schnell dieses Atmen Veränderungen sichtbar werden lässt. Es ist das Weiche, das die Härte überwindet. Du bist eingeladen, das Weiche Atmen in einer Einzelsitzung mit mir zu erleben oder einfach für dich alleine auszuprobieren.
© Lea Hamann, Königstein i.T., 2007
Dieser Text ist Bestandteil der Webseite www.eelea.de und darf unverändert und im Ganzen unter Hinzufügung dieser Fußnote gerne frei weitergegeben werden.
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