Deinen Atem finden PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Lea Hamann   
Donnerstag, 05. November 2009

Kannst du dich an deinen ersten Atemzug erinnern? In meinen Sitzungen, während wir uns mit dem Atmen beschäftigen, kommt es häufig vor, dass die Erinnerung an den ersten Atemzug zurückkehrt. Leider haben die meisten Menschen erfahren, dass ihnen der erste Atemzug mit Gewalt aufgezwungen wurde. Sie hatten keine Möglichkeit, den ersten Atemzug natürlich entstehen zu lassen. Viel zu schnell wurden sie kopfüber gehalten oder bekamen einen Schlag auf den Rücken. Es gibt noch nicht überall ein Bewusstsein dafür, wie wichtig dieser Start ins Leben eigentlich ist.

Der erste Atemzug. Der Beginn von vielen, vielen Atemzügen. Der Beginn eines neuen Lebens.

Die Natur hat für diesen Zweck extra einen sicheren Raum geschaffen. Die Nabelschnur mit der wir nach der Geburt noch verbunden sind, versorgt uns einen Moment weiter, gibt uns einen Moment Zeit. Leider wird den meisten Babys diese Zeit genommen. Lieber wird die Verbindung durchtrennt und der erste Atemzug mit Gewalt eingefordert.

Du musst leben, anstatt du darfst leben. Wir bestimmen über dich, anstatt du bestimmst. Du musst atmen, anstatt du möchtest atmen.

Deshalb ist das Atmen für mich ein sensibles Thema. Ich möchte dich nicht zum Atmen zwingen. Meine Einladung ist es, deinen ganz eigenen Atem zu finden. Zum ersten Mal deinen Lebenswunsch und deinen eigenen Rhythmus im Atem zu erfahren. Und manchmal gehört dazu auch, dir einzugestehen, dass ein Teil von dir gar noch nicht atmen möchte. (Zumindest nicht so, wie es dir kurz nach deiner Geburt aufgezwungen wurde.) Es ist wichtig dieses Nein zu verstehen und zu achten. Wir werden dieses Nein niemals mit Gewalt übergehen. Die Wahl, die du vielleicht beim Beginn deines Lebens nicht treffen durftest, steht dir jetzt wieder frei. Die Anteile von dir, die noch nicht bereit sind, dürfen sich so lange Zeit lassen, bis sie atmen möchten.

Deshalb halte ich nichts von Slogans wie "Wähle das Leben - wähle es doch endlich!!" oder "Atme! Atme! Atme tief ein!" Denn diese gutgemeinten Zurufe schließen die Tür zu unserem wirklichen Atem immer weiter zu. Gewalt ist beim Atmen nicht angebracht. Dich zum Atmen zu zwingen hat keinen Sinn. Dich zum Leben zu zwingen auch nicht.

Doch es macht Sinn dich wahrzunehmen, da wo du jetzt gerade bist. Dich zu achten, mit all den Neins und Jas in deinem Inneren - das ist ein Neubeginn. Du bist eingeladen, deinen Atem zu finden. Die Freude am Atmen, an deinem Leben, die dir vielleicht unterwegs verloren gegangen ist. Ohne Gewalt. Sondern zum ersten Mal mit dem Gefühl: Ich muss nicht.

Probiere mal aus, den Satz "Ich muss nicht" mit in deinen Alltag zu nehmen. Und beobachte was geschieht.

Foto: RichardO Flickr