Noah und die Wellen PDF Drucken E-Mail
Blogs - Die Welt wandelt sich
Geschrieben von: Matthias Kreis   
Mittwoch, 25. August 2010

Gestern haben wir dem Großen Stechlinsee einen Besuch abgestattet – und konnten dort ein lustiges Spektakel beobachten, das uns viel über die Lebensumstände hier in der physischen Form auf der Erde gelehrt hat. Der Stechlinsee ist einer der klarsten Seen Europas und hat eine wunderschöne, tiefe Energie. Es war ein Tag mit einer recht steifen Brise, und der See schlug Wellen, die ans Ufer platschten – fast wie am Meer, nur etwas kleiner.

Unser Hund Noah hatte so etwas wie Wellen noch nie gesehen. Begeistert und aufgeregt sprang er im flachen Wasser auf und ab und versuchte  immer wieder, die Schaumkronen mit dem Maul zu fangen, die sich beim Überschlagen der Wellen bildeten. Und er war immer wieder von neuem verdutzt, wenn er merkte, dass es da nichts zu fassen gab, keine Substanz. Es gab nichts zum Festhalten, das Wasser floss ihm einfach immer wieder aus dem Maul, was seiner kontinuierlichen Begeisterung aber keinen Abbruch tat.

So ist das hier auf der Erde: Wir erleben Energien, die uns einladen möchten, Erfahrungen zu machen. Und alles, was wir hier erleben, besteht letztendlich nur aus solchen Energiewellen, die in sich selbst keine eigentliche Substanz besitzen, fast so wie die Schaumkronen auf den Wellen – das ist das, was die Buddhisten mit „Leere“ meinen. Und trotzdem erleben wir sie und machen die vielfältigsten und spannendsten Erfahrungen. Nur wenn wir versuchen, an bestimmten Dingen festzuhalten, bekommen wir Probleme – denn letztendlich ist das nicht möglich. Alles wandelt sich kontinuierlich, alles ist in ständigem Fluss.

Noah ist allerdings ein Hund, er ist ein Tier, ein Teil der Natur, er lebt immer im gegenwärtigen Moment, aus seiner unmittelbaren Präsenz heraus. Das bedeutet, dass er, sobald wir unsere Wanderung fortsetzen, die Wellen, mit denen er sich gerade so intensiv beschäftigt hatte, sofort wieder vergisst, und sich der nächsten Erfahrung zuwendet. Er kann nicht anders, denn das ist seine Natur.

Wäre er hingegen ein Mensch, könnte es vielleicht sein, dass er den ganzen Tag noch über diese Erfahrung nachgrübelt: „Was waren das nur für Dinger, die ich da nicht festhalten konnte? Was ist ihre Substanz? Was hat es damit auf sich? Wie kann ich es schaffen, sie trotzdem zu fangen und festzuhalten?“ Und vielleicht würde er irgendwann ein langes Buch schreiben, mit dem Titel: „Meine Erfahrung mit den Wellen – und wie man sie vielleicht doch fangen kann!“  ;-)

Das ist es, was wir Menschen oft tun – wir gehen aus der unmittelbaren Erfahrung heraus, und versuchen, Dinge festzuhalten, die letztendlich nicht festzuhalten sind. Und unser Verstand kann sich dann ganze Leben lang mit diesen Dingen und Erfahrungen beschäftigen - bevor wir irgendwann einmal vielleicht wieder auf die Idee kommen, in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren und mit dem zu sein, was wirklich da ist.

Und wenn wir das tun, werden wir sofort bemerken, dass eine andere Qualität in unser Leben zurückkehrt – denn wir leben dann wieder mit dem Fluss des Lebens, und nicht gegen ihn.