Mehr Bewusstsein wagen PDF Drucken E-Mail
Blogs - Die Welt wandelt sich
Geschrieben von: Matthias Kreis   
Dienstag, 20. Oktober 2009

Neulich las ich im Buch einer spirituellen Autorin: Auch wenn wir Dinge verdrängen, geben wir ihnen Aufmerksamkeit - und zwar eine negative Form von Aufmerksamkeit. Eine treffende Beschreibung, finde ich. Und diese sogenannte negative Aufmerksamkeit führt dann letztendlich zu dem, was wir "Blockaden" nennen, denn Ablehnung verstärkt unsere negative Erfahrung einer Energie – ähnlich wie wenn wir unsere Hand gegen eine Wand drücken: Je stärker wir drücken, desto härter und unnachgiebiger kommt uns diese Wand vor. Obwohl die Wand selbst in ihrer Beschaffenheit letztendlich immer gleich bleibt.

Wir als Menschen haben diese Form von negativer, unbewusster Aufmerksamkeit soweit perfektioniert, dass wir durch diese sogar in der Lage sind, traumatisierte oder schmerzerfüllte Anteile so vollkommen aus unserem (verstandesmäßigen) Bewusstsein auszublenden, dass wir deren Existenz überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Wir wissen noch nicht einmal mehr, dass es sie gibt - zumindest tun wir so, und wir glauben es auch.

Der Grund dafür ist darin zu suchen, dass unser Verstand, der den Hauptteil des gegenwärtig von uns genutzen Bewusstseins darstellt, ein so perfektes Werkzeug ist. Der Verstand ist unser vordergründiger Fokus, der so gut ausgebildet ist, dass wir in der Lage sind, uns selbst glauben zu machen, dass es all die anderen Dinge gar nicht gibt, die über die rein oberflächliche oder materielle Ebene hinausgehen - und wir können dann vollkommen davon überzeugt sein und unsere Sichtweise vehement verteidigen.

Aber unser Bewusstsein als Menschen hier auf dieser Erde besteht nicht nur aus unserem Verstand. Unser Verstand stellt wie gesagt nur einen sehr starken Fokus dar, den wir eingenommen haben – so, als ob wir die ganze Zeit nur durch eine enge Röhre schauen würden, und glauben, dass alles, was gerade nicht in unserem vordergründigen Sichtfeld auftaucht, nicht existiert. Obwohl wir nebenbei vielleicht noch Geräusche hören, den Wind auf unserer Haut fühlen, Düfte riechen – aber wir entscheiden uns, diesen keine Aufmerksamkeit zu schenken, sondern nur dem, was wir gerade durch unsere Röhre sehen.

Unser Bewusstsein als Menschen besteht aus so viel mehr Elementen, als nur unserem Verstand: Wir haben unsere Emotionen, unsere Intuition, die ich als unsere spirituelle Wahrnehmung bezeichnen würde, und natürlich auch die Wahrnehmung unseres Körpers. Und das Bewusstsein unseres Körpers zum Beispiel nimmt sehr wohl all die traumatisierten oder verletzten Aspekte wahr, die wir in unserem Bewusstsein nicht haben wollen. Und es bringt das dann auf seine Weise zum Ausdruck - z.B. durch Krankheiten, Kopfschmerzen und andere Symptome. Und auch unser inneres spirituelles Bewusstsein nimmt wahr, wenn es Dinge gibt, die wir ablehnen und nicht wahrhaben wollen. Und das drückt sich dann in unserem Leben so aus, dass z.B. der kreative Fluss stockt, dass wir uns depressiv oder uninspiriert fühlen oder Schwierigkeiten mit der finanziellen Fülle haben.

All diese obengenannten Dinge bezeichnen wir oft als Blockaden. Das impliziert, dass es sich dabei um so etwas handelt wie irgendwelche riesigen, starren Felsbrocken, die auf unserem Weg herumliegen. Und wenn dann in diesem Zusammenhang von der sogenannten "Prozessarbeit" die Rede ist (womit die spirituelle Arbeit gemeint ist, die wir tun, um diese Blockaden aufzulösen), dann habe ich oft das innere Bild vor Augen, dass ein kleines Männchen mit kleinen Hammer und Meißel versucht, diesen Felsbrocken abzutragen, in mühevoller und jahrelanger Arbeit. Bestimmt fühlt sich das oft so an. Und wer hat da schon Lust drauf?

Was aber wäre, wenn es diese sogenannten Blockaden in Wirklichkeit gar nicht gibt? Wenn wir sie einfach nur deshalb  in unserem Leben erfahren, weil wir einem bestimmten, kleinen Teil unseres Bewusstseins (unserem vordergründigen Verstand) erlaubt haben, andere Teile unseres Bewusstseins, die ebenfalls ein Recht auf Ausdruck haben, abzulehnen und auszuschließen? Und dass erst durch diese Ablehnung, durch diese „negative Aufmerksamkeit“ und durch diesen inneren Kampf der immense Druck entsteht, den wir dann als felsbrockenähnliche Blockaden in unserem Leben wahrnehmen?

Eine mögliche Lösung aus diesem Dilemma kann es sein, mehr Bewusstsein zu wagen. Das bedeutet, sich all der vielen weiteren Ebenen des eigenen Bewusstseins wieder gewahr zu werden und sie im eigenen Leben zuzulassen: Das Bewusstsein des Körpers mit seinem feinen Gespür, das Bewusstsein unserer Emotionen, und nicht zuletzt das Bewusstsein unserer Seele, unser spirituelles Bewusstsein, das sich über unsere Intuition ausdrückt. Wenn wir beginnen, alle Ebenen unseres Bewusstseins wieder in unser Leben einzubeziehen, gibt es irgendwann keine "toten Ecken" mehr in unserem Leben, keine dunklen Räume, in denen Felsbrocken entstehen und scheinbar immer größer und stärker werden.

Wir schenken den Energien in unserm Leben nun positive Aufmerksamkeit, statt negativer Aufmerksamkeit. Positive Aufmerksamkeit ist mitfühlende Aufmerksamkeit, interessierte Aufmerksamkeit, wahrnehmende Aufmerksamkeit. Und genauso, wie negative Aufmerksamkeit dazu führt, dass wir Blockaden als immer stärker, unangenehmer und unüberwindlicher wahrnehmen, führt positive Aufmerksamkeit dazu, dass Energien wieder weicher werden, fließender, und dass sich vieles vielleicht sogar schon im Vorfeld lösen kann. Energien können sich letztendlich lösen und wieder in unser Sein eingliedern.

Mögliche Hilfsmittel, die uns beim Wagen von mehr Bewusstsein unterstützen können, sind:

- Bewusstes Atmen
- Bewusstes Spazierengehen
- Bewusstes Entspannen
- Bewusstes Bewegen
- Bewusstes Arbeiten

…oder beliebige Kombinationen aus diesen Dingen. All das kann uns wieder mit den kreativen Energien unserer Seele verbinden und unterstützt uns, wieder in Fluss zu kommen.

Bei diesen Übungen geht es nicht darum, etwas Bestimmtes zu erreichen oder gar Blockaden zu lösen. Am hilfreichsten ist es, wenn wir uns in einen offenen und erwartungsfreien Zustand begeben. Wir erlauben uns, wahrzunehmen, was da alles sonst noch so da ist, das im Trubel unseres Alltags vielleicht unserer Aufmerksamkeit entgeht: Verkrampfungen im Körper, unbewusste Ängste (z.B. die Angst, kein Geld zu haben, oder die Angst, nichts wert zu sein), oder tiefsitzende Traurigkeit über ein Ereignis, das wir noch nicht verarbeitet haben. Auf diese Weise erlauben wir uns, sanft und behutsam, unser Bewusstsein wieder zu öffnen, aus der begrenzten Sichtweise herauszutreten, die nur bestimmte Aspekte wahrnehmen möchte und andere ablehnt oder ausschließt.

Allein dadurch, dass wir nun wieder beginnen, diesen Energien in uns positive, mitfühlende und liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken, können sie wieder zu fließen beginnen. Und je bewusster und nachhaltiger wir diesen neuen Stil in unserm eigenen Leben pflegen, desto lohnender wird es für uns sein, und desto fruchtbarer wird er sich in unserem Leben entfalten und unser Leben wandeln können.

Wenn wir mehr Bewusstsein wagen wird der Raum unseres Bewusstseins wieder zu einem ganzheitlichem Raum, der lebendigen Fluss in alle Richtungen ermöglicht - und somit auch den kreativen Fluss unseres eigenen, schöpferischen Selbst, den Fluss von Neuer Energie in unserem Leben.