| 10 - Der Weg des Vertrauens |
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| Begegnungen - Begegnungen 2011 |
| Sonntag, 09. Oktober 2011 |
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Download der mp3-Datei hierEinen wunderschönen guten Morgen wünsche ich euch allen. Schön, dass ihr mit uns nun gemeinsam diese Zeit verbringen werdet, in der wir auf die Veränderung in uns schauen - und natürlich auch auf die Veränderung um uns herum. Diese Zeit, wo wir uns gemeinsam bewusst machen können, was sich in uns allen verändert, was sich in unserem eigenen Bewusstsein verändert, in unserem Körper, in unserem Beruf und in unserem Leben. Diese Zeit, wo wir genauso auch nach außen schauen dürfen und zu sehen, was sich alles im Außen verändert und noch verändern möchte. Bei uns ist heute Morgen ein wunderschöner blauer Himmel und die Sonne scheint. Ein richtig goldener, spätsommerlicher, herbstlicher Morgen. Es ist einfach wunderschön, das zu sehen und zu fühlen. Und gerade als ich hier so saß, während die Musik noch gespielt hat, dachte ich mir, dass das eigentlich ein sehr gutes Bild ist, was gerade jetzt diesen Sommer unser Wetter anbetrifft - dass den ganzen Sommer über, wo wir eigentlich erwarten, dass es ganz viele solcher sonnigen, warmen, klaren Tage gibt, dass es den ganzen Sommer über – zumindest bei uns hier – sehr, sehr düster war, sehr grau, sehr kalt. Es war oftmals 15 Grad, eine richtige Weltuntergangsstimmung. Der Sommer ist weggeblieben. Bei den Schwimmbädern ist manchmal nur ein Auto auf dem Parkplatz gestanden, wenn überhaupt. Niemand hat Sonnencreme gekauft, es sei denn, er ist weit, weit weg in den Urlaub geflogen. Es ist nichts, was wir tun. Es ist nicht, dass wir dieses Licht erzeugen. Es ist einfach da. Wie oft mischt sich unser Verstand ein und kommentiert das, was geschieht und sagt, wenn der Himmel grau ist, es sollte die Sonne scheinen und erwartet, wenn dann die Sonne scheint, dass es eigentlich grau sein müsste.
Die Stimme der Hoffnungslosigkeit Für mich ist es immer wieder ein wunderschönes Beispiel, auch für unseren inneren Entwicklungsweg, wo es auch Zeiten gibt, wo eine Weltuntergangsstimmung vorherrscht, wo wir wirklich glauben, wir hätten uns selbst verloren, wir hätten den Weg verloren. Alles wird sinnlos. Alles sieht so grau aus in dem Moment. Wir können uns nicht einmal mehr vorstellen, dass irgendwann die Sonne kommt, so grau sieht es in dem Moment in uns aus. Die Erde, die äußere Natur, zeigt uns, dass wir vertrauen dürfen, selbst in diesen ganz grauen, ganz dunklen Tagen, selbst mitten in diesem Schmerz, mitten in dieser Sinnlosigkeit, in der es wirklich so für uns ist, in jenem Moment. Wir können nicht einmal mehr erkennen, dass es nur Gefühle sind oder Anteile oder Gedanken. Nein, es ist unser Erleben, dass alles so grau und sinnlos ist. Und das Leben lädt uns ein, dass wir in diesen Momenten unser Vertrauen nicht aufgeben. Dieses Vertrauen, das in uns ruht. Es ist wie ein ganz zartes Pflänzchen, das einfach da ist und vertraut. Jenseits aller Vernunft, jenseits von allem, was unsere Sinne uns mitteilen oder unser Verstand uns sagt. Es kann noch so viel Schmerz da sein im Körper, noch so viele unangenehme Gefühle, unangenehme Emotionen in deinem Inneren. Es kann ein Orkan in dir toben, ein Aufruhr, ein absolutes Chaos. Die Gedanken können sich rückwärts und vorwärts drehen, Saltos schlagen. Jenseits von allem kann diese schreckliche Stimme erklingen, die sagt: „So, jetzt hast du alles verloren. Du bist eben doch nicht auf dem richtigen Weg. Was soll das alles? Schau, die anderen sind viel weiter als du. Was willst du überhaupt hier? Alles, was du gedacht hast, was sich in dir entwickelt, war doch nur ein Selbstbetrug und eine Illusion! Du bist nichts wert. Niemand will dich hier.“ Diese furchtbare Stimme, diese höllische Stimme, die manchmal in uns spricht, wenn wir uns wirklich absolut schwach und ausgeliefert fühlen. Es ist so verlockend, dieser Stimme zu glauben und zu denken: „Ja, sie muss ja recht haben.“ Denn es sieht wirklich alles so grau aus in dem Moment. Es sind schlimme Gefühle da, der Körper schmerzt, und vielleicht gibt es sogar eine schlimme, finanzielle Situation, oder in der Beziehung einen Streit oder eine scheinbare Sackgasse. Es ist dieser ganz, ganz hilflose, ganz, ganz schwache Moment, wo wir wirklich nur noch auf einem winzigen Zeh stehen und mit den Armen in der Luft rudern und verzweifelt nach Halt suchen. Dann kommt diese höllische Stimme in uns sagt: „Hey, du bist ein totaler Versager. Alles war umsonst. Gib doch auf. Geh doch zurück. Es ist ausweglos, deine Situation. Es hat keinen Sinn.“ Ich weiß, dass wir alle diese Erfahrung machen. Leider ist niemand davon verschont, von diesem Tiefpunkt, könnte man sagen. Ein innerer Tiefpunkt, wo wir uns wirklich schwach fühlen, wo wir dann sagen: „Es geht mir so schlecht. Es ist so furchtbar. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.“ Und wir spüren dieses Feuer in unserem Inneren und alle Anteile versuchen verzweifelt irgendwo Halt zu finden und sich irgendwo festzuhalten an irgendeiner Technik, an irgendjemanden, an irgendeiner Erinnerung daran, dass es aber vor kurzem doch mal so schön und so weich und so angenehm war. Wir greifen nach diesen Strohhalmen, und nichts trägt. Vielleicht ist das eine Situation, die du auch schon einmal erfahren hast, wo du auch schon einmal wahrgenommen hast: „Oh ja, Mist, jetzt kommt das wieder. Jetzt habe ich das Gefühl, alles ist verloren. Es macht keinen Sinn mehr zu atmen. Die Liebe meiner Seele ist doch nur ein Wort, das ist doch lächerlich, eine Vorstellung nur im Gegensatz zu dieser Hölle, dieser realen Hölle, in der ich mich befinde.“
Unsere innere Hölle Aber das ist nicht nur eine schlimme Erfahrung für uns erwachende Menschen, sondern es ist auch eine der größten Chancen auf unserem Weg. Ich möchte dir gleich erklären, wie ich darauf komme, diese schreckliche Situation als eine große Chance zu bezeichnen, wo es sich doch so furchtbar anfühlt und wo wir doch alles dafür tun, um bloß dort nie wieder hinzukommen. Jedes Mal, wenn wir aus diesem Loch herauskrabbeln durch irgendeine, wie auch immer, eine Strickleiter, die wir auf einmal sehen oder einen Gedanken, den wir auf einmal haben. Wir krabbeln heraus aus diesem Loch und denken: „Mein Gott, bitte, bitte mach, dass ich nie wieder da hineinfalle, dass ich das nie wieder erleben muss.“ Wie komme ich jetzt dazu zu sagen: „Oh ja, genau dieser Moment, den schauen wir uns heute an. Wir schauen uns heute die Hölle an.“ Nicht das, wenn es mir gut geht, wenn die Sonne scheint, wenn ich weiß, dass ich geborgen bin, wenn ich meine Seele spüre, wenn ich keine Angst habe, wenn genug Geld da ist, wenn alles so läuft wie ich mir es vorstellen. Sondern die Hölle, wenn nichts funktioniert, wenn scheinbar nichts mehr da ist, wenn alles unter uns zusammenbricht, wenn wir die Seele nicht mehr spüren, wenn wir uns selbst, die Liebe in uns selbst, die Weisheit in uns selbst – nicht einmal das spüren wir mehr. Wir können noch nicht einmal mehr wirklich atmen. Das Atmen bringt keine Erleichterung. Jeder Versuch, uns irgendwie zu trösten, verbrennt, ist wie Asche, hat keine Wirkung. Vielleicht gibt es Momente in deinem Leben, wo du das fühlst. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Hölle, die sich ganz einzigartig anfühlt. Es gibt keine zwei Höllen, die genau gleich sind. Was für dich eine Hölle ist – es kann sein, dass es für einen anderen Menschen vollkommen unbedrohlich ist, Es hat überhaupt keine Wirkung auf andere. Das heißt, deine Hölle, dein schlimmster Moment, dein Moment, wo du wankst und schwankst in dir selbst, ist einzigartig, ist wie ein Teil von dir. Es ist wie ein Teil, der dir ganz vertraut ist und sich so persönlich anfühlt, so persönlich, dass du nicht mehr sagen kannst, wo diese Hölle aufhört und wo du anfängst. Das mögen die Momente sein, in denen du das Gefühl hast: „Könnte ich doch nur davonlaufen!“ Könnte ich nur davonlaufen. Wenn die Hölle dir begegnet, während du in einer Beziehung bist, dann kommt der Gedanke, könnte ich nur einfach mich scheiden lassen, mich trennen von diesem Monster, mit dem ich da zusammen bin, diesem furchtbaren Menschen, der einen Teil dieser Hölle für mich repräsentiert - könnte ich doch nur hier rauskommen, könnte ich doch nur hier endlich, endlich wegkommen und Erlösung finden. Und wenn dir die Hölle begegnet, während du einen bestimmten Beruf ausübst, dann fühlen sich die glühenden Zangen so an wie der Schreibtisch, an dem du arbeiten musst und die Mitarbeiter in deinem Büro und die Form, die deine Arbeit hat und das wenige Geld, das du dort verdienst und der Zwang, der dort auf dich ausgeübt wird. Es scheint so, als ob diese Hölle auf einmal so sehr verbunden ist mit dieser Arbeit. Man kann nicht mehr unterscheiden, ob es wirklich diese Arbeit. Ist diese Hölle vielleicht sogar unabhängig von dieser Arbeit? Ist diese Hölle einfach nur einfach etwas, was ich in mir trage? Ist es wirklich das, was im Außen da ist? Ich erlebe so viele Menschen, die sich gerade auf den Weg des Erwachens begeben. Ich erkenne immer, wie wild entschlossen jemand ist, an der Reaktion auf diese Hölle, die uns dann unweigerlich begegnet. Unweigerlich. Es ist fast so, als ob wir auf dem Weg des Erwachens unweigerlich an dieser Hölle vorbeikommen. Wir haben gar keine andere Chance. Zwar suchen wir so einem Slalomweg, wo wir all diese unangenehmen Dinge vermeiden können. Aber sobald wir weicher werden, offener werden und bewusster werden, begegnet uns diese Hölle in all ihrer schrecklichen Schönheit, in all ihrem Terror, in all ihrem Gefühl, dass sie übermächtig ist und uns verbrennt. Jeder Mensch hat Angst. Das ist selbstverständlich. Jeder Mensch hat diesen Moment, wo er denkt: „Ach, du mein Schreck, was ist denn jetzt passiert? Jetzt geht ja die Welt unter.“ Aber dann bietet sich uns eine Chance. Nämlich dann, wenn wir bemerken: „Oh, die Hölle ist da. Ich fühle mich so schrecklich.“ Alle unsere Gedanken sind so zerstörerisch und so negativ in jenem Moment. Alles dreht sich, nichts ist mehr deutlich. Die Angst ist von 0 auf 100 gesprungen. In diesem Moment haben wir einen Moment, wo wir uns frei entscheiden können. Wir können uns nicht entscheiden, ob diese Hölle da ist oder nicht. Wir haben nicht diese Wahl. Wir haben nicht diesen Knopf, den wir drücken können und dann sind all diese negativen Gefühle und Gedanken und dieser Wirbelsturm auf einmal verschwunden. Selbst wenn es für diesen Anlass eine riesige Schmerztablette gäbe, irgendwann hört diese ja auch auf zu wirken, und dann ist die Hölle wieder da. Selbst wenn wir uns anderweitig betäuben und ablenken und weggehen mit unserer Aufmerksamkeit. Sobald wir wieder da sind, ist auch die Hölle wieder da, kommt wieder zum Vorschein.
Menschliche Wegweiser Es gibt so wenig Wegweiser, die uns mitten in diese Hölle hineinführen und zeigen: Das ist genauso, wie wir scheinbar in diese Hölle hineingeraten und wir auch scheinbar wieder herauskommen und dass letztendlich diese Hölle nichts ist, gegen das wir kämpfen müssen. Sondern es ist wie ein Feuer. Ein Feuer, das alles verschlingt, das nichts übrig lässt. Ein Feuer, das uns sogar reinigt und alte Aspekte unserer Persönlichkeit zum Schmelzen bringt, die wir als einschränkend erfahren haben. Es gibt zum Glück einige ganz, ganz wenige Menschen, die sich in diesem menschlichen Leben entschlossen haben, nicht wegzugehen - komme, was wolle. Einer dieser Menschen ist z. B. Buddha, der ein Leben als spiritueller Suchender geführt hat - nachdem er seine Position, seine Stellung als Königssohn aufgegeben hat, ist er herumgewandert und hat nach dem Weg gesucht, der ihn zur Erleuchtung führen soll, zu seinem eigenen Sein, zu diesem Sein, das wir alle in uns tragen. Vielleicht kennt ihr ja diese Geschichte. Vielleicht habt ihr selbst eine Buddhastatue bei euch zu Hause. Ob es der chinesische Buddha ist, der ganz dick ist und lacht, oder ob es eher eine andere Repräsentation von Buddha ist, wo er einfach da sitzt und ganz, ganz still ein leises Lächeln auf seinen Lippen trägt. Es ist dieser Buddha, der eines Tages gesagt hat: „Ich setze mich jetzt hier hin und komme, was wolle, ich werde mich hier nicht wegbewegen.“ Wie ihr vielleicht wisst, war noch nicht das der Moment, wo die Erleuchtung oder das Erwachen ihm bewusst wurde. Sondern es war der Moment, wo er entschlossen war, entschlossen genug zu sagen: „Komme, was wolle, ich setze mich jetzt hier hin.“ Das war der Moment, der alle Dämonen, alle verführerischen Götter und alle betrügerischen Bilder an die Oberfläche gebracht hat. All diese Dämonen, die nichts anderes sind als ein Symbol für unsere schlimmsten Ängste, unsere schrecklichsten Gefühle, unsere fürchterlichsten Befürchtungen, sind Buddha begegnet und haben gesagt:“ Wir fressen dich auf. Wir töten dich. Wir sind stärker als du. Wir erledigen dich jetzt.“ Sie sind auf ihn zugerast, mit so viel Gewalt, mit so viel Kraft, mit so viel Terror. Aber Buddha ist nicht aufgesprungen und hat gesagt: „Oh, mein Gott, wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zukommt, da hätte ich doch lieber nicht gesagt, dass ich hier bleibe. Schnell weg hier. Schnell weg hier. Nein, nein, ich gehe doch lieber wieder irgendwo anders hin und suche das Erwachen! Oh nein, diese schlimmen Gefühle, das tue ich mir heute nicht an. Da kann doch irgendwas nicht stimmen, dass solche Gefühle aufkommen. Vielleicht ist es doch nicht richtig, so entschlossen zu sein.“ Das Besondere an Buddha war, dass er nicht weggegangen ist. Dass er gesehen hat, immer wieder gesehen hat, wie die Angst und das alte Bewusstsein wie ein brüllender Löwe auf ihn losgegangen sind. Er ist einfach nicht weggegangen, hat sich nicht bewegt, hat sich keine Angst einjagen lassen - obwohl er vielleicht auch Momente lang vor lauter Angst gezittert hat mitten in diesem Feuer, in dieser Hölle, die sich um ihn herum aufgetan hat. Wer diesen Weg des Erwachens beschreitet, weiß, wie unangenehm sich diese Hölle anfühlt und wie verlockend es ist, alles stehen und liegen zu lassen, nur um da wegzukommen. Vielleicht weißt du auch, wie oft eine Stimme zu dir sagt: „Wenn solche Gefühle in dir aufkommen, dann kannst du ja nicht auf dem richtigen Weg sein.“ Oder: „Na ja, du bist eben doch noch nicht so ein erwachender Mensch wie du dachtest. Du bist eben noch jemand, der im Tiefschlaf ist. Na ja, jetzt hör mal auf mit diesem ganzen Quatsch, mit deinem Weg. Lass doch mal alles fallen, was du bisher gemacht hast. Wende dich von all dem ab, was dir gut getan hat, was dir Freude gemacht hat. Lass alles wieder los. Was soll dass denn? Du brauchst doch auch nicht erwachen. Erwachen ist doch unnötig. Es ging dir doch vorher viel besser, bevor du diesen Erwachensweg beschritten hast. Schau mal, was alles für schlimme Dinge passiert sind, seitdem du erwachst. Beziehungen haben sich verändert. Dein Körper ist mitten in Reinigungsprozessen. Nichts funktioniert mehr so wie es vorher funktioniert hast. Dein Verstand ist wie ein Sieb und manchmal wie ein wilder Löwe, der nur noch brüllt. Ach geh doch zurück, geh doch zurück in die alte Energie, dahin, wo du hergekommen bist.“ Wie oft lassen wir uns verführen von dieser Stimme, die dann spricht. Wie oft lassen wir uns verführen von dieser Stimme, die uns sagen möchte, dass diese Hölle irgendeine Art von Bedeutung für uns hat. Irgendetwas, das wir heilen müssen, das wir lösen müssen, das wir therapieren und hinterfragen müssen, indem wir uns tiefer und tiefer verstricken müssen. Jeder schreckliche Dämon, der vor Buddha aufgetaucht ist, hat Buddha nicht veranlasst zu sagen: „Oh, mein Gott, was stimmt denn mit mir nicht, dass so ein Dämon jetzt vor mir auftaucht? Was habe ich denn heute wieder falsch gemacht, dass ein solch hässlicher Dämon vor mir auftaucht? Das muss ja bedeuten, dass ich total hässlich und schrecklich bin, dass so etwas mir begegnet.“ Buddha ist einfach in diesem stillen Schauen geblieben. Dieses stille Schauen hat immer wieder gesagt: „Ich sehe dich. Ich sehe dich. Ich durchschaue dich. Ich erkenne dich.“ Egal, ob es Angst ist, die zu uns spricht, wir können sie durchschauen. Egal, ob es Wut ist, die zu uns spricht, wir können sie durchschauen. Egal, ob es der tiefste Schmerz ist, den wir je erfahren haben, wir können diesen tiefsten Schmerz durchschauen. Nicht durchschauen im Sinne von theoretisch verstehen. Denn in diesen Momenten, wo die Hölle uns umgibt, verbrennt sogar deine Theorie, sogar deine Konzepte. In dem Moment, wo der brüllende Tiger vor dir steht und sagt: „Ich reiße dir jetzt den Kopf ab.“ Und du ziehst irgendeinen Zettel aus deiner Tasche, den du irgendwann einmal beschrieben hast, wo draufsteht: „Ja, aber meine Seele liebt mich doch.“ Du hältst diesen Zettel in zitternden Händen und sagst: „Oh je, lieber Löwe, stimmt das denn nicht, dass mich meine Seele liebt? Lass mich doch in Ruhe. Gib mir doch ein bisschen Zeit, dass ich mich wieder beruhigen kann und damit ich wieder meinen Halt finden kann.“ Der Zettel wird verbrennen in dieser Hölle. Er wird davon flattern. All diese zarten Gedanken sind nichts, was uns in dem Moment wirklich halten kann. Nicht das, was uns wirklich schützt in dieser Hölle. Vor allem wenn wir versuchen, etwas zu denken, was uns helfen soll, aus der Hölle herauszukommen. Buddha hat nichts getan, damit die Dämonen weggehen, damit dieser Spuk endlich aufhört. Alles, was er getan hat, war: Er war da und er hat wahrgenommen. Alles. Er hat die Dämonen wahrgenommen, die schrecklichen Ängste, den Terror, der sich ihm gezeigt hat und er war einfach da. Das stille Gewahrsein Jetzt könnte man doch denken: Na ja, das ist ja gar nicht so etwas Besonderes. Es hört sich vielleicht fast sogar ein bisschen schlapp an, dieses Einfach nur da sein. Einfach nur da sein. Einfach nur unter diesem Baum sitzen, den Atem fließen lassen, wahrnehmen und da sein. Was ist daran schon Besonders? Was ist denn das für eine Waffe gegen den brüllenden Tiger der Angst? Was ist denn das schon für ein Weg aus dieser schrecklichen Hölle? Tatsache ist, obwohl der Verstand glauben mag, dass dieses Dasein und Wahrnehmen überhaupt keine Wirkung hat, überhaupt keine Hilfe und keinen Weg darstellen kann, ist das in Wahrheit der einzige Weg, der einzige mögliche Weg. Weil es kein Weg ist, den wir gehen, wo wir einen Schritt vor den anderen setzen, und wo wir Strickleitern bauen und dann versuchen, an diesen Strickleitern empor zu klettern, wird dieser Weg oft auch der weglose Weg genannt. Der weglose Weg. Weil dieser Weg, wo wir bereit sind, in den schönsten und in den schrecklichsten Momenten da zu sein und wahrzunehmen, nicht wirklich bedeutet, dass wir irgendwo hingehen, dass wir irgendwas im Außen verändern, dass wir irgendetwas bewegen. Sondern dieser weglose Weg erlaubt uns, da zu sein und wahrzunehmen, was mit der Hölle geschieht, wenn wir nicht gegen sie kämpfen, wenn wir nicht vor ihr davonlaufen, wenn wir nicht versuchen, sie zu lösen. Und wenn wir auch keine Geschichte aus dieser Hölle machen, die wir dann auf uns beziehen. So wie man nun denken könnte: „Oh, das hat etwas mit mir zu tun. Ich bin ein ganz schlechter Mensch, dass ich so etwas denke.“ Wenn wir all diese Dinge nicht tun. Wir gehen nicht in den Kampf. Wir laufen nicht davon. Wir gehen nicht in die Therapie. Wir gehen nicht in die Analyse. Wir wollen nicht einmal herausfinden, wer ist schuld daran, dass diese Hölle jetzt um mich herum aufgetaucht ist. Sondern wir bleiben in dieser Hölle stehen, da, wo wir sowieso schon sind, bleiben unter unserem Baum sitzen und lassen den Atem weiter fließen. Dann ist es ein bisschen so, als würden wir in der Mitte von einem Orkan sitzen, der um uns herum tobt. Jede Windböe schreit uns an und sagt: „Du kannst nicht einfach hier sitzen. Was fällt dir ein zu glauben, dass du wirklich jemand bist, der inmitten der Hölle einfach nur da sein kann? Was bildest du dir denn ein?“ Jeder Atemzug, wo wir uns erlauben, dazubleiben, da zu sein, wo wir sind, wo wir nicht eingehen auf die Flucht, die Impulse zu fliehen in unserem Inneren. Die Impulse zu kämpfen. Die Impulse, in die Gedanken zu gehen. Wo wir einfach nur da sind. Dieser Moment ist es, der dieser Hölle den Strom abschaltet. Es ist als ob diese Hölle nur dann so höllisch bleiben kann, wenn wir vor ihr weglaufen, wenn wir unser stilles Gewahrsein verlassen und sagen: „Oh, mein Gott, etwas ganz Schlimmes ist geschehen. Wie komme ich wieder zurück zu mir selbst? Wie kriege ich es wieder hin, dass ich mich wohlfühle, dass ich bei mir bin? Es ist als ob die Hölle in dem Moment schmatzt und sich freut und sagt: „Mhm, das schmeckt mir gut. Ein kleiner Mensch, der denkt, ich bin böse und schrecklich. Ein kleiner Mensch, der vor mir Reißaus nehmen will. Ah, das gefällt mir. Da kann ich so richtig schön groß und übertrieben sein. Niemand merkt, wie lächerlich ich eigentlich bin.“ Aber wenn diese Hölle auf einen Menschen trifft, der sich nicht bewegt, der sagt: „Komme, was wolle, hier bleibe ich sitzen. Und wenn mir der Himmel auf den Kopf fällt, trotzdem bleibe ich hier.“ Dann sagt die Hölle: „Oh, Mist, na gut.“ Weil die ganze Kraft, die die Hölle aufrechterhalten hat, kam aus deinem Weglaufen, aus deiner Angst, aus deinem Kampf gegen die Hölle, aus deinem Glauben an diese Hölle. Sobald wir einfach nur noch da sind, auch wenn die Angst uns schüttelt und wir das Gefühl haben: „Oh mein Gott, was mache ich denn jetzt? Das fühlt sich ja schrecklich an, als ob ich bei lebendigem Leib irgendwie geröstet werde und sich all das mir zeigt, was ich am schrecklichsten finde.“ In dem Moment, langsam aber sicher, geht dieser Hölle die Puste aus. Das Feuer bekommt keinen neuen Brennstoff. Der Wind bekommt keine neue Kraft. Der Sturm bekommt keine neue Kraft.
Die innere Entscheidung Etwas zerfällt in dem Moment, in dem wir sitzen bleiben. Jeder erwachende Mensch hat ein Recht, sich wie Buddha unter einen inneren oder äußeren Baum zu setzen und zu sagen: „Hölle, ich laufe nicht mehr weg vor dir. Mir reicht´s. Du hast mich in Angst und Schrecken versetzt. Du hast mich klein gehalten. Du hast mich verunsichert. Du hast mich dazu gebracht, immer nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen zu können, dann musste ich alles hinschmeißen, weil du das Steuer in die Hand genommen hast. Hölle, ich habe die Nase voll von dir. Ich habe keine Zeit mehr für dich, keine Geduld mehr für dich, keinen Raum, den ich dir widmen möchte. Ich sitze hier und du kannst deine Zähne fletschen, du kannst so viele angstvolle Gedanken herumwirbeln, wie du nur möchtest. Du kannst dich verkleiden in jedes beliebige Ungetüm, in jedes Bild voller Terror, was du nur möchtest. Ich bleibe hier sitzen. Ich bleibe hier sitzen. In mir. Wie ein Fels in der Brandung. Wie ein Raum der Stille mitten im Sturm. Ich bin nicht mehr bereit, auch nur einen Millimeter von mir selbst wegzurücken.“ In dem Moment sieht die Hölle nicht mehr ganz so dunkel aus. Vielleicht sieht sie aus wie eine Spielzeughölle. Vielleicht kannst du Momente lang sogar erkennen, dass die feurigen Dämonen, die da herumirren, vielleicht nur so kleine Handpuppen sind, vor denen man keine Angst haben muss. Vielleicht kannst du merken, dass das Tosen des schrecklichen Sturms, der sich da scheinbar zusammengebraut hat, vom Tonband kommt, das irgendwie nicht mehr so wirklich überzeugend klingt. Es hat keine Macht mehr über dich. Es ist nicht mehr das Höchste für dich in deinem Leben. In dem Moment kannst du erfahren, was Buddha in seinem Erwachen erfahren hat, was Jeshua in seinem Leben erfahren hat, aber dann auch noch einmal ganz konzentriert und ganz eindrücklich in seiner Erfahrung am Kreuz. Was wäre passiert, wenn er davongelaufen wäre vor dieser Erfahrung? Was wäre passiert, wenn er sich nur einen Millimeter bewegt hätte in dieser Hölle, in diesem Schrecken, in diesem Terror? Niemand würde heute mehr über Jeshua oder über Buddha sprechen, wenn sie in diesem Moment weggelaufen wären, wenn sie in diesem Moment klein beigegeben hätten. Denn dann hätte sie uns nur gezeigt, was uns Generationen von Menschen vorher auch schon gezeigt haben, dass es nämlich wirklich etwas Letztendliches gibt, das wir fürchten müssen, auf das wir reagieren müssen, um das wir uns sorgen müssen. Der Grund, warum wir heute noch über Buddha oder Jeshua sprechen, obwohl sie vor Tausenden von Jahren hier auf der Erde gelebt haben und der Grund, warum sie eine solche Offenheit hinterlassen haben, ist dieser Moment, wo sie ihrer eigenen, ganz persönlichen Hölle begegnet sind und gesagt haben: „Okay Hölle, zeig mir was du kannst. Gib alles. Blas dich auf. Mach dich groß. Schwing deine Keulen. Tue, was du willst, um mich zu erschrecken und ich bewege mich keinen Schritt, keinen Millimeter.“ In dem Moment hat sich herausgestellt, dass diese vermeintliche Hölle gar nicht wirklich existiert. Nur so lange wir sie fürchten, nur so lange wir uns ängstlich schützen und die ganze Zeit besorgt über unsere Schulter schauen, um zu schauen, ob die Hölle wieder da ist. Nur so lange, wie wir glauben, wir müssten irgendetwas tun mit dieser Hölle, wir müssten irgendetwas ändern, lösen, heilen, solange schmatzt die Hölle und weiß, sie kriegt all deine Lebensenergie. Und sie kann sich vielleicht noch ein bisschen größer machen. Aber sobald du sagst. „Nein, weißt du, ich habe das Spiel jetzt hunderttausend Mal mitgemacht und du kommst mir so bekannt vor. Irgendetwas stimmt da doch nicht. Ich bin doch hunderttausend Mal weggelaufen und nichts hat sich geändert. Du bist immer wieder gekommen. Das einzige, was ich nie probiert habe, ist wirklich da zu bleiben. Ich riskiere es. Wenn Buddha das kann, wenn Jeshua das kann, dann kann ich das auch.“ Wenn Jeshua zu allen Menschen, die ihm begegnet sind, gesagt hat: „Ihr seid genauso wie ich. Genau gleich. Die gleiche Liebe wohnt auch in dir. Das gleiche unendliche Sein. Die gleiche Göttlichkeit. Die gleiche Freiheit.“ Da muss doch etwas dran sein. Können wir jetzt, mehr als zweitausend Jahre später, diesen Worten vertrauen und innehalten? Komme, was wolle. Können wir uns selbst diesem letzten Schatten stellen, der es bisher noch geschafft hat, uns zu betrügen und uns in Angst und Schrecken zu versetzen? Können wir selbst diesem Schatten begegnen und erkennen, wer wir wirklich sind?
Die größte Chance Jetzt kann ich zurückkommen zu meiner anfänglichen Aussage, dass dieser Moment, wo der ganze Zweifel, der ganze Schmerz und der ganze Terror deines Lebens über dir zusammenbricht, dass dieser Moment nicht nur ein unangenehmer Moment ist, sondern auch die größte Chance, die dir je gegeben wird. Ich glaube, wir können hunderttausend Mal ein Kreuz sehen, in vielen Kirchen oder am Wegesrand oder in irgendwelchen Zimmerecken, wo das Kreuz hängt, und nicht verstehen und nicht an uns heranlassen, worauf uns dieses Kreuz und dieser Jeshua am Kreuz hinweisen möchte. Unsere Augen haben bisher nur die Hölle gesehen, das Leid, den Schmerz, die äußere Form. In unserem Inneren regt sich vielleicht jedes Mal, wenn wir das Kreuz sehen, Widerspruch. Regt sich ein „was, was soll denn das? Oh Gott, wie schrecklich. Muss ich mir das wieder anschauen, wie dieser gequälte Typ da rumhängt? Das ist ja furchtbar. Das ist ja schrecklich.“ Wir verpassen die goldene Wahrheit, die in diesem Moment verborgen ist. Jeshua hat gesagt: „Jeder muss sein Kreuz auf sich nehmen.“ Buddha könnte sagen: „Jeder muss unter seinem Baum sitzen bleiben, solange bis er erkannt hat, was Wahrheit und was Illusion ist.“ Wenn etwas von dieser Präsenz von Jeshua, von dieser Präsenz von Buddha dich erreicht, dich berührt, dich trägt und hält, dann ist dieselbe Präsenz auch in dir. Denn wie sonst solltest du in der Lage sein, irgendetwas wahrzunehmen, irgendetwas zu fühlen. Es muss sein, dass dieselbe Liebe, dieselbe Freiheit auch in dir wohnt. Jeder Mensch, der all seinen Höllen ins Auge geschaut hat, auf der physischen Ebene, auf der emotionalen Ebene, auf der mentalen Ebene, der energetischen Ebene - jeder dieser Menschen hat nicht nur erfahren: „Ich bin frei. Ich bin erlöst. Ich war schon immer erlöst. Ich werde immer erlöst sein.“ Sondern jeder dieser Menschen hat auch erfahren: „Und wir alle sind frei. Alle Menschen sind erlöst. Alle Menschen tragen Buddha und Jeshua in sich. Alle Menschen sind im Kern einfach nur das.“ Niemand, der wirklich all diesen Dingen begegnet ist, hat sich umgedreht und gesagt: „Ja, und das gilt nur für mich.“ Jeder, der wirklich diese letzte Feuerwand durchbrochen hat, konnte nicht anders als zu sehen: „Das gleiche gilt auch für dich. Das gleiche gilt für alle Menschen.“ Dieser Moment der Erlösung, den Jeshua erlebt hat, den Buddha erlebt hat - sie beide wussten: Dieser Moment gehört uns allen. Dieser Moment ist das wirkliche Erwachen, das wirkliche Erkennen, das in uns allen schlummert. Dieses Erwachen hat keine bestimmte Form. Wir können zwar mithelfen, aber wir können es nicht kontrollieren. Etwas in uns will erwachen. Etwas in uns will auch dem letzten Monster begegnen und sich als frei von diesem Monster erkennen. So können wir eins zu eins übertragen, was Jeshua erlebt hat, was Buddha erlebt hat und was wir heute erleben. Es ist letztendlich dasselbe. Es ist uns vielleicht noch nicht immer möglich, bis zum letzten innezuhalten und dazubleiben. Vielleicht schafft es ab und zu noch ein ganz bestimmtes Monster, das „Buh“ macht und auf einmal springen wir davon. Auf einmal glauben wir: Oh Gott, oh Gott, das ist doch noch ein ganz reales Monster und ich muss davon springen.“ Aber du hast diesen Weg bereits begonnen. Diesen Weg des Innehaltens, diesen Weg, der dir heute erlaubt, auf manche Dinge zurückzuschauen, vor denen du früher Angst hattest und zu sehen, dass du davor heute keine Angst mehr hast, dass diese Illusion zerplatzt ist und mehr Freiheit, mehr Stille, mehr Raum heute in deinem Leben möglich sind. Dieses Erwachen funktioniert nicht so, dass alle unser Monster beiseite gehen und sagen: „Ach, du bist so ein netter Mensch. Wir ziehen uns mal zurück und lassen dich in Ruhe erwachen.“ Das Erwachen funktioniert so, dass alleine diese Kraft in deinem Inneren, die in dir erwacht, alle Monster auf den Plan ruft, alle Monster aus ihren tiefsten Höhlen erweckt, alle Stürme entfacht, alle Feuer zum Lodern bringt. Inmitten von all dem ist Stille. Inmitten von all dem bietet sich uns jedes Mal die Chance, nicht wegzugehen, nicht hereinzufallen auf dieses Szenario, das sich uns bietet, uns keinen dieser Gedanken in die Tasche zu stecken und zu glauben, dass wir wirklich kämpfen müssen, dass wir wirklich verloren sind, dass wirklich irgendetwas Schlimmes geschieht. Sondern still zu stehen in uns, in dieser Liebe, in dieser Zartheit in unserem Inneren, die sagt: „Lass alle Monster kommen. Lass alle Ängste kommen. Lass alle Schmerzen kommen. Und ich bin immer noch da.“ Das „Ich bin“ ist immer noch da. Das „Ich bin“ war vorher da. Das „Ich bin“ ist während dieser Erfahrung da. Das „Ich bin“ wird auch nachher da sein, wenn all diese Monster zu Staub zerfallen.
Transkribiert von Christine Seitz
© 2011, Lea Hamann, Königstein im TaunusWir freuen uns, wenn du diesen Text unter Hinzufügung dieser Fußnote auf nichtkommerzielle Weise frei weitergibst oder weiterversendest!Über Lea Hamann:
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